„Nur noch ein Trade, bis ich bei null bin. Dann höre ich auf. Versprochen."
1 · Was ist das überhaupt?
Der Break-even-Zwang ist das Gefühl, einen roten Tag nicht rot beenden zu dürfen. Nicht Gier treibt dich: Du willst ja gar nicht gewinnen, du willst nur auf null. Das macht diese Falle so heimtückisch: Sie fühlt sich vernünftig an. Man will doch nur den Schaden reparieren. Aber der „eine Trade bis null" hat eine Eigenschaft: Verliert er, braucht es zwei, dann vier.
2 · Warum gibt es das?
Drei Mechanismen stapeln sich. Die Verlustaversion: Ein realisierter Tagesverlust schmerzt wie eine Niederlage, „null" fühlt sich wie Rettung an. Die versunkenen Kosten: Das schon verlorene Geld „arbeitet" im Kopf weiter und verlangt, zurückgeholt zu werden. Dazu die mentale Tagesbuchführung : Dein Gehirn schließt jeden Tag als eigenes Konto ab. Dabei ist die Tagesgrenze eine reine Erfindung. Der Markt kennt keine Tage. Deine Statistik entsteht über Wochen und Monate, nicht bis Mitternacht.
3 · Was hat die Forschung gemessen?
Die Wette, die auf null führt. Richard Thaler und Eric Johnson haben 1990 in Management Science gezeigt, was nach Verlusten passiert. Menschen werden vorsichtiger, mit einer Ausnahme: Wetten, die die Chance bieten, genau wieder auf null zu kommen, werden besonders attraktiv. Sie nannten das den Break-even-Effekt. Hersh Shefrin hat dem Drang in seinem Buch Beyond Greed and Fear einen eigenen Namen gegeben: get-evenitis.
Versunkene Kosten arbeiten weiter. Hal Arkes und Catherine Blumer haben 1985 in mehreren Experimenten gezeigt, dass Menschen an einer Sache umso hartnäckiger festhalten, je mehr sie schon hineingesteckt haben. Das verlorene Geld verlangt im Kopf, zurückgeholt zu werden. Für den Markt existiert es nicht mehr.
Taxifahrer, die in Tagen denken. Colin Camerer, Linda Babcock, George Loewenstein und Richard Thaler haben 1997 Fahrtenbücher von New Yorker Taxifahrern ausgewertet. Viele Fahrer, vor allem unerfahrene, setzten sich ein Tagesziel beim Einkommen. An guten Tagen hörten sie früh auf, an schlechten fuhren sie länger, obwohl es umgekehrt mehr gebracht hätte. Wer jeden Tag einzeln abrechnet, entscheidet schlechter als jemand, der den ganzen Monat im Blick hat.
4 · Was heißt das für dein Trading?
Genau hier entstehen die ganz großen Löcher. Der Tag wäre mit −200 vorbei gewesen, aber „im Minus aufhören ging nicht", und am Ende steht −1.400. Der Break-even-Zwang verwandelt normale, eingeplante Verlusttage in Katastrophentage. Er ist auch der Motor hinter dem Revenge-Trading : Der Zwang liefert die Begründung, der Revenge-Impuls die Ausführung.
5 · Was kannst du dagegen tun?
- Denk in Wochen, nicht in Tagen. Ein −200-Tag in einer +800-Woche ist kein Problem: Er ist Statistik. Die Tagesgrenze im Kopf ist der eigentliche Gegner.
- Ein roter Tag innerhalb der Regeln ist ein guter Tag. Schreib ihn so ins Journal. Die Bewertung „gut/schlecht" gehört an die Plan-Treue, nicht an das Vorzeichen.
- Definiere das Tagesende in Geld, vorher. Bei −X ist Schluss, nicht „wenn ich wieder bei null bin". Null ist kein Ausstiegspunkt, null ist ein Köder.
- Ehrlich gesagt: Im Moment selbst verliert dieses Wissen gegen das Gefühl. Der Satz „ich kann nicht im Minus aufhören" wird nicht durch Einsicht leiser, sondern durch eine Tür, die zu ist.
Was mir geholfen hat
Bei mir war das im Grunde dieselbe Falle wie das Revenge-Trading, denn ich wollte unbedingt zurück auf null. Geholfen hat mir auch hier das Nachrechnen. Ich habe im Journal gezählt, wie oft ich es an einem roten Tag wirklich zurück auf null geschafft habe, und daneben gerechnet, wie meine Ergebnisse aussähen, wenn ich nach dem ersten Verlust-Trade aufgehört hätte. Beide Zahlen nebeneinander zu sehen, hat mir den objektiven Blick zurückgegeben.
Es gab Monate, die ich mit 400 Dollar im Minus abgeschlossen habe und die ohne diese Aufholjagden mit 800 Dollar im Plus geendet hätten. Danach war die Frage einfach: Will ich einen ganzen Monat für 400 Dollar minus arbeiten oder für 800 Dollar plus?
Heute drücke ich an solchen Tagen außerdem den Knopf, den ich mir in Nemesis eingebaut habe und der meine Konten bis zur nächsten Markteröffnung sperrt. Das Wichtige daran ist für mich weniger die Sperre als die bewusste Entscheidung: Ich drücke, und damit ist der Tag für mich abgeschlossen.
6 · Und was hat das mit Phoenix zu tun?
Das Daily-Loss-Limit in Nemesis macht den Tag bei −X wirklich zu: Die Diskussion „nur noch einer bis null" findet nicht mehr statt, weil die Plattform sie nicht mehr führt. Max Trades begrenzt die Aufholjagd zusätzlich. Die Wochenreflexion trainiert den Blick, der diese Falle entschärft: Sie zeigt dir den Tag im Zusammenhang der Woche: da, wo er hingehört.
Häufige Fragen
Was ist der Break-even-Zwang?
Der Break-even-Zwang ist das Gefühl, einen roten Tag nicht rot beenden zu dürfen. Du willst dabei gar nicht gewinnen, du willst nur zurück auf null. Deshalb fühlt sich diese Falle vernünftig an. Verliert dieser eine Trade, braucht es danach zwei, oder einen mit doppelter Size.
Warum kann ich an einem roten Tag nicht aufhören?
Dein Kopf bewertet den Tag von einem Bezugspunkt aus, und das ist der Kontostand vom Morgen. Alles darunter zählt als Verlustzone, und in der Verlustzone werden Menschen risikofreudig. Die Tagesgrenze ist dabei eine Erfindung. Der Markt kennt keine Tage, und deine Statistik entsteht über Wochen und Monate.
Wie beende ich einen Verlusttag richtig?
Leg das Tagesende vorher in Geld fest: Bei einem bestimmten Minus ist Schluss, und zwar unabhängig davon, wie nah die Null gerade scheint. Bewerte den Tag danach an deiner Plan-Treue und nicht am Vorzeichen. Ein roter Tag innerhalb deiner Regeln ist ein guter Tag, und so gehört er auch ins Journal.
Quellen
- Thaler, R. H. und Johnson, E. J. (1990): Gambling with the house money and trying to break even: The effects of prior outcomes on risky choice. Management Science 36(6), 643 bis 660.
- Shefrin, H. (2000): Beyond Greed and Fear. Harvard Business School Press.
- Arkes, H. R. und Blumer, C. (1985): The psychology of sunk cost. Organizational Behavior and Human Decision Processes 35(1), 124 bis 140.
- Camerer, C., Babcock, L., Loewenstein, G. und Thaler, R. (1997): Labor supply of New York City cabdrivers: One day at a time. Quarterly Journal of Economics 112(2), 407 bis 441.