„Das Konto ist tot. Ich hab's noch niemandem gesagt. Was soll ich auch sagen: dass ich schon wieder genau das gemacht habe, was ich mir verboten hatte?"
1 · Was ist das überhaupt?
Scham ist keine Falle, die Trades kostet. Sie ist die Falle, die das Lernen verhindert. Nach dem geplatzten Konto wird geschwiegen: dem Partner gegenüber, den Trading-Kollegen, manchmal sich selbst gegenüber (das gelöschte Journal ist Schweigen in Dateiform). Wer schweigt, bekommt keine Hilfe, keine Einordnung, keinen Spiegel und trägt die Last allein, bis der Druck den nächsten Fehler gebiert.
2 · Warum gibt es das?
Scham ist ein soziales Alarmsignal: Sie schützt vor Ausschluss aus der Gruppe, und darum drängt sie zum Verstecken. Beim Trading kommt etwas Besonderes dazu: Es gibt fast keine Alltagserfahrung, die das Erlebte abbildet. Die meisten Menschen kennen Verlust als etwas, das ihnen passiert: Jobverlust, kaputtes Auto. Beim Trading sitzt du da, deine eigene Hand klickt, ein Teil von dir schaut zu und schreit hör auf, und die Hand klickt trotzdem. Wer das nie erlebt hat, hört „ich konnte nicht aufhören" und denkt: Ausrede. Wer drin war, weiß: Es ist die präziseste Beschreibung der Realität. Deshalb fühlt es sich so einsam an, und deshalb verstehen es oft nicht einmal die Menschen, die uns am nächsten sind.
3 · Was hat die Forschung gemessen?
Scham sagt: Ich bin falsch. Schuld sagt: Ich habe etwas falsch gemacht. Die Psychologin June Tangney erforscht seit Jahrzehnten den Unterschied zwischen den beiden Gefühlen. In ihrem Buch Shame and Guilt von 2002 beschreibt sie mit Ronda Dearing, dass Scham sich auf die ganze Person richtet und zu Rückzug, Verstecken und Abwehr führt. Schuld richtet sich auf eine Handlung und führt eher dazu, den Fehler zu benennen und etwas zu ändern. Für dein Trading ist das der entscheidende Unterschied. Der Satz, ich bin ein Versager, beendet das Lernen. Der Satz, ich habe nach dem dritten Verlust die Size verdoppelt, beginnt es.
Wer verliert, schaut weg. Niklas Karlsson, George Loewenstein und Duane Seppi haben 2009 den Vogel-Strauß-Effekt beschrieben: Anleger meiden Informationen, von denen sie Schmerz erwarten. Nachgemessen haben es Nachum Sicherman und Kollegen 2016 in der Review of Financial Studies an den Anmeldedaten sehr vieler Depots. Nach fallenden Märkten meldeten sich die Anleger um 9,5 Prozent seltener an. Ein Trader, der sein Journal nicht mehr öffnet, tut dasselbe.
4 · Was heißt das für dein Trading?
Scham hat drei teure Folgen. Sie löscht die Beweise: Journals verschwinden, Konten werden „vergessen", die einzigen Daten, aus denen man lernen könnte, sind weg. Sie verhindert Hilfe im Moment: Jedes System, das im Tilt ein Geständnis vor einem Menschen verlangt (der Partner, der entsperren muss, der Buddy, dem man schreiben soll), scheitert an genau dieser Scham. Sie isoliert : Man hält sich für den einzigen Versager, dabei sitzt in jedem Trading-Raum jemand mit derselben Geschichte. Alle schweigen nur gleich gut.
5 · Was kannst du dagegen tun?
- Wisse, dass du in Gesellschaft bist. Konten platzen auch bei Leuten mit vielen Jahren Erfahrung. Das ist kein Charakterfehler, sondern die Ausstattung, mit der jeder Mensch an den Markt geht. Nur redet kaum jemand darüber.
- Such dir Räume, in denen nicht erklärt werden muss. Ein Gespräch mit Menschen, die es selbst erlebt haben, wiegt mehr als zehn mitfühlende Gespräche ohne diese Erfahrung.
- Lösch nichts. Das Journal stehen zu lassen ist die kleinste und wichtigste Anti-Scham-Handlung: Es verwandelt die Niederlage in Daten.
- Bau Schutz, der kein Geständnis verlangt. Der wirksamste Halt im schlimmsten Moment ist einer, der unpersönlich ist, der dich hält, ohne dass ein geliebter Mensch den Mist mitbekommt.
Was mir geholfen hat
Nach jedem Konto, das ich an die Wand gefahren hatte, habe ich mir gesagt, ich hätte jetzt daraus gelernt, habe von vorn angefangen und so getan, als wäre nichts gewesen. Ein Journal habe ich damals nicht geführt und mir eingeredet, ich hätte das nicht nötig. Tief drin wusste ich genau, warum: In einem Journal stehen die roten Zahlen, und dann steht dort schwarz auf weiß, was ich angestellt habe.
Als ich schließlich doch damit angefangen habe, wurde es schlagartig besser, und ich meine wirklich schlagartig. Die erste Woche war furchtbar, weil alles drinstand. In der zweiten habe ich mich schon deutlich mehr angestrengt, weil ich diese roten Zahlen nicht mehr sehen wollte, und danach wurde es Woche für Woche besser.
Gelöscht habe ich nie einen Trade, denn ich wollte mir nicht die Möglichkeit nehmen, daraus zu lernen. Stattdessen habe ich gelernt auszuhalten, dass dort steht: Du hast Mist gebaut.
Vor den Menschen, die ich liebe, habe ich meine Verluste übrigens nie versteckt. Ich glaube, das war mein großes Glück, denn so hatte ich immer eine Schulter zum Anlehnen.
6 · Und was hat das mit Phoenix zu tun?
Phoenix ist um genau diese Einsicht herum gebaut: Nemesis hält dich ohne Scham: Kein Partner muss entsperren, kein Mensch sieht den Moment, die Hand greift von selbst und lässt los, wenn der Kopf zurück ist. Mattheo ist der Gesprächspartner für danach, nachts um halb drei, ohne dass du dich vor einem Menschen schämen musst, und er kennt deine Zahlen, sodass du nichts gestehen musst, was er nicht längst weiß. Das Journal mit Löschschutz sorgt dafür, dass die Scham nicht heimlich die Beweise verbrennt.
Häufige Fragen
Bin ich der Einzige, dem das passiert?
Nein. Barber, Lee, Liu und Odean haben 2014 sämtliche Daytrader in Taiwan über die Jahre 1992 bis 2006 untersucht, rund 450.000 Menschen. Weniger als ein Prozent von ihnen verdiente nach Gebühren verlässlich Geld. Verluste sind in diesem Beruf der Normalfall. Man hört nur selten davon, weil fast alle darüber schweigen.
Soll ich mein Journal nach einem schlimmen Tag löschen?
Nein. Der schlimmste Tag ist fast immer der lehrreichste, und das Journal ist der einzige Ort, an dem er als Daten erhalten bleibt. Du musst es nicht am selben Abend lesen. Es reicht, wenn es stehen bleibt.
Wohin kann ich mich wenden, wenn mich die Verluste stark belasten?
Diese Seiten erklären Mechanismen, sie ersetzen keine professionelle Hilfe. Wenn dich Verluste über Tage nicht schlafen lassen oder du mit niemandem darüber reden kannst, sprich mit deiner Hausarztpraxis oder einer psychologischen Beratungsstelle. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 erreichbar, auch anonym.
Quellen
- Tangney, J. P. und Dearing, R. L. (2002): Shame and Guilt. Guilford Press, New York.
- Karlsson, N., Loewenstein, G. und Seppi, D. (2009): The ostrich effect: Selective attention to information. Journal of Risk and Uncertainty 38(2), 95 bis 115.
- Sicherman, N., Loewenstein, G., Seppi, D. J. und Utkus, S. P. (2016): Financial attention. Review of Financial Studies 29(4), 863 bis 897.
- Barber, B. M., Lee, Y.-T., Liu, Y.-J. und Odean, T. (2014): The cross-section of speculator skill: Evidence from day trading. Journal of Financial Markets 18, 1 bis 24.