„Schnell den Gewinn sichern, bevor er wieder weg ist." Der Winner wird nach zehn Punkten gecuttet, der Plan sagte fünfzig. Der Verlierer? Der bekommt „noch etwas Raum".
1 · Was ist das überhaupt?
Verlustangst zeigt sich im Trading als doppeltes Muster: Gewinne werden viel zu früh mitgenommen (aus Angst, den Buchgewinn wieder herzugeben), während Verluste laufen gelassen werden (aus Angst, den Verlust durch das Schließen endgültig zu machen). Das Ergebnis ist die klassische kaputte Statistik: viele kleine Gewinner, wenige riesige Verlierer.
2 · Warum gibt es das?
Die Verhaltensforschung nennt es Verlustaversion, und dafür gab es einen Nobelpreis (Kahneman/Tversky): Verluste wiegen für dein Gehirn etwa doppelt so schwer wie gleich große Gewinne. Ein offener Buchgewinn fühlt sich bereits wie Besitz an: Ihn schrumpfen zu sehen, schmerzt wie ein echter Verlust. Ein offener Buchverlust ist „noch nicht echt", solange man nicht schließt. Dein Gehirn optimiert also nicht deine Statistik. Es optimiert, wann der Schmerz gefühlt wird.
3 · Was hat die Forschung gemessen?
Verluste wiegen etwa doppelt so schwer. Daniel Kahneman und Amos Tversky haben die Verlustaversion 1979 in ihrer Prospect Theory beschrieben. In ihrer Arbeit von 1992 beziffern sie den Faktor auf rund 2,25. Ein Verlust von 100 schmerzt also etwa so stark, wie ein Gewinn von 225 freut. Dazu kommt ein zweiter Befund aus derselben Theorie: Im Gewinn sind wir risikoscheu und wollen sichern. Im Verlust sind wir risikofreudig und wollen zocken.
Der Beweis aus 10.000 Depots. Hersh Shefrin und Meir Statman haben das Muster 1985 als Dispositionseffekt beschrieben. Terrance Odean hat es 1998 im Journal of Finance an 10.000 Depots eines amerikanischen Discountbrokers aus den Jahren 1987 bis 1993 gemessen. Anleger realisierten ihre Gewinne deutlich häufiger als ihre Verluste: Der Anteil realisierter Gewinne lag bei 14,8 Prozent, der Anteil realisierter Verluste bei 9,8 Prozent. Die Entscheidung war auch noch falsch herum. Die verkauften Gewinner liefen im folgenden Jahr 3,4 Prozentpunkte besser als die Verlierer, die im Depot blieben.
4 · Was heißt das für dein Trading?
Selbst eine gute Trefferquote kann so kein Geld verdienen: Wenn der durchschnittliche Gewinner 10 Punkte bringt und der durchschnittliche Verlierer 40 kostet, rettet dich keine Analyse der Welt. Verlustangst zerstört nicht die einzelnen Trades. Sie zerstört das Verhältnis zwischen ihnen. Genau das sieht man selbst am schlechtesten, weil sich jeder frühe Gewinn-Ausstieg im Moment richtig anfühlt.
5 · Was kannst du dagegen tun?
- Lege den Ausstieg fest, bevor du drin bist. Ziel und Stop gehören zur Einstiegs-Entscheidung, im ruhigen Kopf. Danach ist jede „Anpassung" verdächtig.
- Miss das Verhältnis, nicht das Gefühl. Durchschnittlicher Gewinner geteilt durch durchschnittlicher Verlierer: Diese eine Zahl im Journal sagt dir, ob die Falle zuschnappt.
- Nimm die Hand von der Maus. Die meisten zu frühen Ausstiege passieren, weil man dem Trade beim Atmen zusieht. Wenn Ziel und Boden definiert sind, ist Zuschauen keine Arbeit. Es ist die Gelegenheit, sie zu ruinieren.
Was mir geholfen hat
Diese Falle fällt mir bis heute schwer, denn die Angst vor Verlusten sitzt mir immer noch im Rücken. Gleichzeitig weiß ich, dass ich nicht gewinnen kann, solange ich Verluste nicht akzeptiere. Deshalb rechne ich vor jedem Trade aus, wie viel ich riskiere, ziehe diese Summe von meinem Kontostand ab und sage mir laut: Ich bin bereit, diesen Verlust zu akzeptieren.
Danach prüfe ich, ob das heute auch wirklich stimmt. Bin ich ausgeschlafen, oder bin ich genervt, gestresst oder krank? Hatte ich Streit? Wenn ich merke, dass ich heute nicht in der Verfassung bin, sperre ich meine Konten ganz bewusst bis zur nächsten Markteröffnung. Dafür habe ich mir in Nemesis einen eigenen Knopf eingebaut. Ich glaube, es geht dabei gar nicht so sehr um die Sperre selbst, sondern um den Moment, in dem ich bewusst hingehe, drücke und mir sage: Heute nicht, und das ist in Ordnung. Lautet die Antwort ja, rechne ich meinen Kontostand abzüglich des Tageslimits aus und kann damit leben, und an solchen Tagen sind auch meine Trades besser.
Merke ich mitten in einem Trade, dass ich ihn kaputt machen will, stehe ich auf und mache mir erst einmal einen Kaffee.
6 · Und was hat das mit Phoenix zu tun?
Der Runner-Modus in Nemesis ist genau für diese Falle gebaut: ein Gewinn-Boden, den Nemesis verwaltet, nicht der Broker, nicht deine nervöse Hand. Die Position darf laufen, und fällt sie unter den Boden, wird sie geschlossen. Wahlweise wandert der Boden mit und fällt nie zurück. Du kannst den Trade laufen lassen, weil jemand den Boden hält. Das Journal rechnet dir das Gewinner-Verlierer-Verhältnis aus: die Zahl, die ehrlicher ist als jedes Gefühl.
Häufige Fragen
Was ist der Dispositionseffekt?
Der Dispositionseffekt ist die Neigung, Gewinner zu früh zu verkaufen und Verlierer zu lange zu halten. Hersh Shefrin und Meir Statman haben ihn 1985 beschrieben. Er folgt aus der Verlustaversion: Ein Gewinn soll gesichert werden, bevor er schrumpft. Ein Verlust gilt im Kopf als noch nicht echt, solange die Position offen ist.
Warum nehme ich Gewinne zu früh mit?
Ein offener Buchgewinn fühlt sich bereits wie Besitz an. Schrumpft er, schmerzt das wie ein echter Verlust, und der schnelle Ausstieg beendet diesen Schmerz. Im Moment fühlt sich das vernünftig an. Erst die Summe am Monatsende zeigt, dass die Gewinner die Verlierer nicht aufgewogen haben.
Welche Trefferquote brauche ich, wenn meine Verlierer größer sind als meine Gewinner?
Das lässt sich ausrechnen. Bringt dein durchschnittlicher Gewinner 10 Punkte und kostet dein durchschnittlicher Verlierer 40, brauchst du eine Trefferquote von 80 Prozent, nur um bei null zu landen. Mit 70 Prozent Treffern verlierst du auf Dauer Geld, obwohl sich die Quote gut anfühlt. Teile deshalb im Journal den durchschnittlichen Gewinner durch den durchschnittlichen Verlierer und beobachte diese eine Zahl.
Quellen
- Kahneman, D. und Tversky, A. (1979): Prospect theory: An analysis of decision under risk. Econometrica 47(2), 263 bis 291.
- Tversky, A. und Kahneman, D. (1992): Advances in prospect theory: Cumulative representation of uncertainty. Journal of Risk and Uncertainty 5(4), 297 bis 323.
- Shefrin, H. und Statman, M. (1985): The disposition to sell winners too early and ride losers too long: Theory and evidence. Journal of Finance 40(3), 777 bis 790.
- Odean, T. (1998): Are investors reluctant to realize their losses? Journal of Finance 53(5), 1775 bis 1798.